Coxarthrose & Endoprothetik: Bitte nur mit AMIS Hüfte

30. April 2020 | Aktuelles

In der aktuellen Ausgabe der ORTHOpress 3-2020 erschien mein Artikel zur Coxarthrose-Behandlung mit AMIS Hüfte. Im folgenden finden Sie einige Auszüge:

Häufig wird der Vorwurf laut, es werde zu viel operiert. Die Anzahl der implantierten Hüftgelenke bleibt in Deutschland aber unter Berücksichtigung der Altersverteilung nahezu konstant und liegt im internationalen Vergleich in einem mittleren Bereich. Dennoch sollten die Möglichkeiten zur konservativen Behandlung zunächst einmal ausgeschöpft werden. Die wirklich notwendigen Operationen müssen dann so sicher, schonend und präzise wie möglich durchgeführt werden, erklärt Prof. Rudi G. Bitsch von der ATOS Klinik in Heidelberg.

Herr Prof. Bitsch, immer noch hört man, es werde zu viel und zu schnell operiert. Kann man als Arzt überhaupt eine allgemeinverbindliche Einschätzung treffen, wann es Zeit für ein neues Hüftgelenk ist?

Prof. Bitsch: Natürlich sind das individuelle Schmerzempfinden des Patienten und seine Bewegungseinschränkung wichtige Gradmesser für die Wahl der Therapie. Als Faustregel kann nach wie vor gelten, dass bei nächtlichen Ruheschmerzen, welche regelmäßig am Ein- oder Durchschlafen hindern, oft nur noch eine Endoprothese die Beschwerden dauerhaft zu lindern vermag. Wir operieren also keine Röntgenbilder, wie es oft heißt, sondern richten uns immer nach dem individuellen Verlust an Lebensqualität und dem Allgemeinzustand der Patienten. Bei der Hüftarthrose ist es jedoch so, dass in aller Regel eine hohe Übereinstimmung zwischen den Ergebnissen der bildgebenden Verfahren und dem Befinden des Patienten herrscht. Die verschiedenen Stadien der Arthrose werden üblicherweise nach der Kellgren und Lawrence Klassifikation beurteilt. Diese unterscheidet je nach Verschmälerung des Gelenkspalts, der Ausbildung von knöchernen Anbauten und einer Entrundung des Hüftkopfes die Schweregrade der Arthrose von Stadium I (mild) bis IV (schwer).

Welche Möglichkeiten gibt es, wenn die Arthrose noch nicht weit fortgeschritten ist?

Prof. Bitsch: An erster Stelle stehen hier regelmäßige Bewegung und die Normalisierung des Körpergewichts gegebenenfalls unter physiotherapeutischer Anleitung. An zweiter Stelle kann versucht werden, den Stoffwechsel im Gelenk zu verbessern. Dazu gehört etwa die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln (Bausteine des Knorpelgewebes oder der
Gelenkschmiere) und pflanzlichen Wirkstoffen. In den Stadien II und III können je nach Ausprägung der Beschwerden auch entzündungshemmende und schmerzlindernde Medikamente eingenommen werden. Weiterhin können Injektionen ins Gelenk mit Hyaluronsäure oder Kortison erfolgen, je nachdem, ob die funktionelle Beeinträchtigung oder ein entzündliches Geschehen im Vordergrund stehen. Immer größeren Stellenwert gewinnt aufgrund der gleichen Wirksamkeit bei geringen Nebenwirkungen auch die Behandlung mit Autologem Conditioniertem Plasma (ACP), bei der entzündungshemmende Stoffe aus dem Eigenblut des Patienten aufkonzentriert und ins Gelenk injiziert werden. Generell sollten zunächst über ein halbes Jahr hinweg die zur Verfügung stehenden konservativen Behandlungsmethoden ausgeschöpft werden, bevor an eine Gelenkersatzoperation gedacht wird. Im Stadium IV, wenn Knochen auf Knochen reibt, ist diese jedoch normalerweise alternativlos.


Wenn es zum Gelenkersatz kommt, operieren Sie nach der minimalinvasiven AMIS-Methode. Was ist das Besondere daran?

Prof. Bitsch: Bei der AMIS-Methode operieren wir mit einem kleinen Hautschnitt nur durch natürliche Öffnungen zwischen den Muskelbündeln hindurch. Muskeln und Sehnen werden lediglich zur Seite geschoben, sodass sie nicht durchschnitten werden müssen. Nach der Implantation der Hüftpfanne und des Prothesenschaftes schließt sich der Weichteilmantel
wieder wie ein Vorhang über dem Gelenk. Inzwischen können fast alle zur Verfügung stehenden Kurz- und Normalschaftimplantate verwendet werden.
Als Neuerung verwenden wir in der ATOS Klinik Heidelberg einen besonderen elektrisch betriebenen Lagerungstisch, der die früher notwendige manuelle Bedienung des Extensionstisches durch eine OP-Hilfskraft überflüssig macht. Der neue Lagerungstisch „merkt“ automatisch, welche Zugkräfte auf das Bein wirken, sodass die Gefahr einer Überdehnung des Gewebes oder einer Nervenirritation zusätzlich minimiert wird. Unsere Patienten sind nur wenige Stunden nach der Operation bereits in der Lage aufzustehen und im Raum umherzugehen. Durch den Erhalt der Muskulatur ergibt sich dabei kein wesentlicher Unterschied zwischen dem operierten und dem nicht operierten Bein. Auch Schmerzmittel werden in der Regel nur für eine kurze Zeit und in geringer Dosierung benötigt.

Bringt die minimalinvasive Hüftoperation nur eine schnellere Rehabilitation mit sich, oder können die Patienten auch langfristige Vorteile erwarten?

Prof. Bitsch: Zunächst ist es natürlich so, dass die Patienten den Vorteil unmittelbar nach der Operation deutlich wahrnehmen. Das beginnt damit, dass sie nicht nur das operierte Bein sofort voll belasten können, sondern auch keine Gehhilfen zur Entlastung benötigen – diese dienen lediglich der Sicherheit. Gegenüber den nach herkömmlicher Technik operierten Patienten haben sie ein natürliches Gangbild, weil Koordination und Muskelkraft praktisch vollumfänglich erhalten bleiben. Auch der geringe Blutverlust macht sich positiv bemerkbar, weil mit einem höheren Hb-Wert auch ein besseres Allgemeinbefinden einhergeht. Wir gehen zusätzlich davon aus, dass eine Operation in AMIS-Technik auch auf lange Sicht Vorteile mit sich bringt. Zwar werden die bei anderen Zugangswegen entstehenden Muskelschäden im Laufe der Regeneration durch ein entsprechendes Training von der verbleibenden intakten Muskulatur kompensiert, dennoch bleibt vernarbtes oder fettig degeneriertes Muskelgewebe zurück. Insbesondere bei Mehrfachoperationen können sich die Schäden aufsummieren, sodass die Patienten später das gefürchtete Trendelenburg- Hinken entwickeln oder ganz allgemein unter einer Muskelschwäche leiden. Im Hinblick auf eine später eventuell notwendige Wechseloperation lohnt sich daher ein Ersteingriff in AMIS-Technik auf jeden Fall, um auch für die Zukunft die volle Muskelkraft und alle Optionen zur Verfügung zu haben.

Herr Prof. Bitsch, haben Sie herzlichen
Dank für Ihre Ausführungen!

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